Zeitumstellung und Schlaf: So kommt deine innere Uhr mit
Manuel Schabus | 20.10.2026

Am Sonntag, dem 25. Oktober 2026, endet in der EU die Sommerzeit: Um 3:00 Uhr werden die Uhren auf 2:00 Uhr zurückgestellt. Auf dem Papier ist das eine geschenkte Stunde. Für deinen Körper ist es etwas anderes. Zeitumstellung und Schlaf hängen enger zusammen, als der kleine Sprung auf dem Ziffernblatt vermuten lässt, denn deine innere Uhr kennt keine Sommerzeit. Sie richtet sich nach Licht, Mahlzeiten und Gewohnheit.
Hier erfährst du, warum die innere Uhr nicht einfach mitspringt, weshalb die Herbstumstellung leichter ist als die im Frühjahr, wie belastend die Stunde wirklich ist und wie du sie gut überstehst.
Was am 25. Oktober 2026 passiert
Die Nacht von Samstag auf Sonntag hat 25 Stunden, die Stunde zwischen 2:00 und 3:00 gibt es zweimal. Wer sonst um 7:00 aufsteht, ist am Sonntag möglicherweise schon um 6:00 nach neuer Zeit wach, weil der Körper noch nach alter Zeit läuft. Abends wird es dafür eine Stunde früher dunkel.
Warum deine innere Uhr nicht einfach mitspringt
Im Hypothalamus sitzt der suprachiasmatische Nukleus (SCN), die Masteruhr des Körpers. Ihr Eigenrhythmus liegt bei etwa 24,2 Stunden, also nicht exakt bei 24. Deshalb braucht sie täglich Zeitgeber, die sie neu stellen: Licht ist der stärkste, gefolgt von Mahlzeiten, Bewegung und sozialen Kontakten. Zwei Hormone machen den Takt spürbar. Melatonin, das Dunkelheitshormon, steigt etwa zwei bis drei Stunden vor der gewohnten Schlafenszeit an; Cortisol, sein Gegenspieler, steigt in der zweiten Nachthälfte an und erreicht etwa 30 bis 45 Minuten nach dem Aufwachen seinen Gipfel. Wird die Uhr an der Wand verstellt, laufen diese Rhythmen zunächst nach alter Zeit weiter. Die Zeitumstellung ist kein Kalenderdetail. Sie ist ein kleiner Jetlag für deine innere Uhr, nur ohne Flug. Auch dein Chronotyp spielt mit: Ob du eher Eule oder Lerche bist, beeinflusst, wie leicht dir die Verschiebung fällt.
Herbst ist leichter als Frühjahr, aber der Abend wird dunkler
Die Umstellung im Oktober gilt in der Chronobiologie als die leichter verkraftbare der beiden: Eine innere Uhr, die von sich aus etwas länger als 24 Stunden läuft, lässt sich leichter nach hinten dehnen als nach vorne stauchen. Im Herbst darfst du eine Stunde länger schlafen, im März musst du gegen den natürlichen Drift früher aufstehen. Trotzdem hat der Herbst einen Haken: Der Abend wird schlagartig eine Stunde früher dunkel. Weniger Abendlicht bedeutet ein früheres Dunkelheitssignal an die Zirbeldrüse, Melatonin steigt früher, und manche Menschen fühlen sich in den Wochen danach am späten Nachmittag müde. Dass die Tage insgesamt kürzer werden, ist allerdings jahreszeitlich bedingt und hat mit der Umstellung nichts zu tun; die Uhr verschiebt nur, welcher Tageszeit das vorhandene Licht zugeordnet wird. Wer morgens im Dunkeln zur Arbeit fährt und abends im Dunkeln heimkommt, bekommt an Werktagen kaum noch Tageslicht, obwohl genau das der wichtigste Hebel ist.
Licht ist der stärkste Zeitgeber
Spezialisierte Zellen in der Netzhaut (ipRGCs mit dem Fotopigment Melanopsin) reagieren besonders auf blaues Licht um 480 Nanometer und melden Helligkeit direkt an den SCN. Die Unterschiede sind größer, als das Auge vermuten lässt: Sonnenschein im Freien liefert 10.000 Lux und mehr, ein bewölkter Himmel noch 3.000 bis 5.000 Lux, ein Büro nur etwa 500 Lux. 15 bis 30 Minuten draußen am Vormittag sind deshalb das wirksamste Signal, um die Uhr nach der Umstellung zu stabilisieren. Eine Feinheit für die ersten Tage: Wer am Sonntag um sechs statt um sieben wach ist, sollte nicht sofort in die Morgendämmerung hinaus, denn sehr frühes Licht zieht die Uhr weiter nach vorn; besser zur gewohnten Aufstehzeit nach neuer Zeit ins Licht. Abends gilt das Gegenteil: ab etwa 20 Uhr dimmen, warmes Licht um 2.700 Kelvin, idealerweise unter 50 Lux. Chang et al. (2015, PNAS) zeigten, dass vier Stunden Lesen am hell eingestellten Tablet an fünf Abenden in Folge den Melatonin-Anstieg um rund 1,5 Stunden verzögerte, am Morgen schläfriger machte und den REM-Schlaf reduzierte. Das ist ein Extremfall, er zeigt aber die Richtung.
Wie belastend ist die Stunde wirklich?
Jedes Jahr liest man, die Zeitumstellung mache krank. Die Daten sind nüchterner. In unserer eigenen Online-Befragung „Wie schläft Österreich?“ (Universität Salzburg, 2019, rund 1.000 Teilnehmende, nicht repräsentativ) gaben 87 % an, die Umstellung belaste sie nicht oder nur leicht. Die Anpassung dauert bei den meisten wenige Tage, bei manchen länger; eine feste Grenze wie „48 Stunden“ gibt es nicht. Wie stark jemand die Stunde spürt, hängt vom Chronotyp, vom Alltag und davon ab, wie stabil der Schlaf vorher war.
Auf Bevölkerungsebene gibt es messbare, aber kleine Effekte, und sie betreffen vor allem das Frühjahr: Eine Meta-Analyse von sieben Kohortenstudien (Manfredini et al., 2019) fand in der Woche nach der Umstellung auf Sommerzeit ein um etwa 5 % erhöhtes relatives Herzinfarktrisiko; nach der Herbstumstellung war kein Anstieg nachweisbar. Eine Übersicht über 157 Studien aus 36 Ländern (Steponenaite et al., 2026) kommt zum Schluss, dass die Folgen der Zeitumstellung nicht durchgehend negativ sind: Nach der Herbstumstellung zeigen sich eher längere Schlafdauer und weniger Arbeitsunfälle. Wir haben diese ausgewogene Sicht schon 2020 vertreten (Blume & Schabus, Clocks & Sleep): Effekte ernst nehmen, aber ihre Größe benennen, statt Angst zu schüren. Aus Sicht der Schlafforschung wäre der zweimalige Wechsel im Jahr verzichtbar, und die meisten Fachgesellschaften bevorzugen eine dauerhafte Normalzeit; wie groß der gesundheitliche Unterschied zwischen den Modellen tatsächlich wäre, ist aber weiterhin offen.
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Der Plan ist unspektakulär, aber wirksam, weil er die Zeitgeber nutzt, statt gegen sie zu arbeiten. Für die meisten Menschen genügt es, den Rhythmus stabil zu halten und morgens ins Tageslicht zu gehen. Wer die Umstellung erfahrungsgemäß deutlich spürt, kann sie vorwegnehmen: Ab Mittwoch oder Donnerstag Zubettgeh- und Aufstehzeit täglich um 10 bis 15 Minuten nach hinten schieben; bis Sonntag ist die Stunde dann weitgehend aufgeholt. Das ist eine allgemeine chronobiologische Empfehlung, keine sleep²-Studie.
Halte die Aufstehzeit: Steh am Sonntag zur neuen Zeit auf, auch wenn du früher wach bist, und geh direkt ins Tageslicht. Der Sonntag ist nicht der Tag zum Ausschlafen. Wer die geschenkte Stunde um zwei weitere verlängert, baut sich einen Social Jetlag ein. Wittmann, Roenneberg und Kolleg:innen (2006) beschreiben damit die Differenz des Schlafmittelpunkts zwischen Werktag und Wochenende; sie ist mit Übergewicht (Roenneberg et al., 2012), depressiven Symptomen und kardiometabolischen Risikomarkern assoziiert, wobei es sich um Beobachtungsdaten handelt. Als Orientierung gilt: am Wochenende maximal etwa eine Stunde abweichen.
Setze einen Koffein-Cutoff: Koffein hat eine Halbwertszeit von rund fünf Stunden (individuell zwei bis zehn), ein Kaffee um 14 Uhr kann um 19 Uhr noch zur Hälfte wirken. Drake et al. (2013) zeigten in einer Doppelblindstudie, dass 400 mg Koffein sechs Stunden vor dem Schlafen die Gesamtschlafzeit um über eine Stunde verkürzten. Dazu gedimmtes Licht ab 20 Uhr und eine feste Abendroutine; weitere Bausteine findest du in unserem Artikel darüber, wie du den Schlaf verbessern kannst. Regelmäßigkeit ist dabei mehr als eine Umstellungshilfe: Windred et al. (2024, Sleep, UK Biobank, rund 61.000 Personen mit Aktigraphie) fanden bei sehr regelmäßigem Schlaf ein um 20 bis 48 % geringeres Sterberisiko, unabhängig von der Schlafdauer.
Wer die Stunde besonders spürt
Kleine Kinder haben oft eine sehr stabile innere Uhr und sind nach der Umstellung eine Stunde zu früh wach; bei ihnen lohnt sich die schrittweise Verschiebung in 10- bis 15-Minuten-Schritten besonders. Jugendliche haben durch die pubertätsbedingte Phasenverzögerung ohnehin einen späteren Melatoninanstieg, ihnen dürfte die Herbstumstellung eher entgegenkommen. Wer in der Umstellungsnacht im Schichtdienst arbeitet, hat eine Stunde mehr Dienst und oft den größten Bruch im Rhythmus; hier helfen Morgenlicht und feste Schlaffenster in den Tagen danach besonders. Menschen, die ohnehin schwer ein- oder durchschlafen, können auf Verschiebungen empfindlicher reagieren. Die Zeitumstellung verursacht keine Schlafstörung, kann bestehende Muster aber kurzfristig verstärken; halten die Probleme über Wochen an, ist eine ärztliche Abklärung sinnvoll. Warum Schlafqualität dabei mehr zählt als Dauer, erklären wir in einem eigenen Artikel.
Was sleep² in dieser Woche zeigt
In der sleep²-App siehst du deine Bett- und Aufstehzeiten im Verlauf, die Regelmäßigkeit über die Woche und wie sich die Erholung in den Tagen danach entwickelt. Gemessen wird objektiv über das Herzsignal des Polar-Sensors (PPG am Oberarm oder EKG am Brustgurt), aus dem sleep² Schlafphasen und Wachzeiten berechnet. Wichtig ist der Blick auf Trends statt auf die eine Nacht: Eine unruhige Umstellungsnacht ist normal, entscheidend ist, ob sich das Muster innerhalb weniger Tage wieder einpendelt.




