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Case Study

Schlafmonitoring bei Spezialkräften: 23.000 Nächte mit sleep²


Kategorie

Field Research

Umfang

23.000+ Nächte, 15 Monate

Teilnehmer

Jagdkommando, inkl. Kontrollgruppe

Warum Schlaf in Spezialeinsatzkräften über Leistung entscheidet

Spezialeinsatzkräfte (Special Operations Forces, SOF) arbeiten unter extremen körperlichen und mentalen Anforderungen – häufig unter Schlafentzug und unregelmäßigen Schlafzeiten. Schlafqualität und -dauer sind dabei die Grundlage für kognitive Leistungsfähigkeit und Entscheidungsfähigkeit, für emotionale Stabilität und Stressregulation sowie für die körperliche Regeneration. Fehlende Erholung verschlechtert Reaktionszeit und Urteilsvermögen – mit potenziell schwerwiegenden Folgen in kritischen Situationen. Schlaf ist damit kein Wellness-Thema, sondern eine Variable der Einsatzbereitschaft.

Die Studie: das Human Peak Performance Project (HP³)

Das HP³-Forschungsteam um den Schlaf- und Hirnforscher Manuel Schabus und Projektleiterin Caroline Rakowitz präsentierte die Ergebnisse auf der SOMA 2026 Tagung  in Raleigh (North Carolina) – dem weltweit größten Treffen für “Special Operations Medicine” und “Human Performance Optimization”. Erstmals stellte damit ein österreichisches Team eigene Felddaten zu Schlaf, Erholung und Leistungsfähigkeit von Spezialeinsatzkräften auf dieser internationalen Bühne vor.

Über rund 15 Monate wurde der Schlaf von Operator des Jagdkommandos – der Spezialeinsatzkraft des Österreichischen Bundesheeres – nahezu täglich im Feld erfasst: insgesamt mehr als 23.000 objektiv ausgewertete Nächte. Damit handelt es sich nicht um eine kurze Laboruntersuchung, sondern um eine Langzeitbeobachtung unter realen Bedingungen und um die bislang größte Studie ihrer Art.

Gemessen wurde nicht über Bewegung, sondern über einen präzisen Herzfrequenz- und Herzratenvariabilitäts-Sensor am Oberarm (Polar Verity Sense) in Kombination mit der sleep²-App (Universität Salzburg). KI-Modelle leiten daraus Schlafphasen und Erholungsparameter ab, die sonst nur im Schlaflabor (Polysomnographie) zugänglich wären – von Schlafdauer und -effizienz über Einschlafdauer und nächtliches Aufwachen bis zu Tief- und REM-Schlaf, nächtlicher Herzfrequenz und HRV.

Die Untersuchung verlief über mehrere Phasen: zunächst eine Baseline ohne Rückmeldung, dann eine erste Interventionsphase mit täglichem objektivem Feedback und schließlich eine zweite Phase mit zusätzlichen, an der kognitiven Verhaltenstherapie bei Insomnie (CBT-I) orientierten Empfehlungen – etwa zu Schlafrhythmus, Schlafdruck, Entspannung und schlafförderlichen Routinen. Eine Kontrollgruppe war fester Teil des Designs.

Die zugrunde liegende Messmethodik wurde zuvor an der Paris-Lodron-Universität Salzburg gegen 90 Polysomnographie-Nächte validiert und mit 8 anderen Wearables verglichen. Die Ergebnisse zeigten dabei größte Genauigkeit für die sleep² Algorithmen kombiniert mit dem Polar Verity Sense Sensor (Topalidis et al., 2025).

Die Ergebnisse: messbar besserer Schlaf trotz Dauerbelastung

Über die Studienphasen verbesserten sich mehrere Schlafparameter – bemerkenswert, weil sich Belastungen bei SOF bekanntlich über das Jahr eher aufbauen. Das tägliche objektive Feedback und die anschließenden Schlafinterventionen halfen, Schlaf und Erholung zu stabilisieren und teils zu verbessern, während die Kontrollgruppe über die Zeit eine zunehmende Schlaffragmentierung zeigte.

 

KennzahlErgebnis
Subjektive Schlafqualitätsignifikant verbessert (p < 0,001)
Objektiver Schlafscore (SSC)signifikant verbessert (p < 0,007)
Schlafstabilität (NOA2)Intervention stabilisiert, Kontroll-Probanden schlafen zunehmend unruhier (Zeit × Gruppe: F(2, 18663) = 25,10; p < 0,001)
Schlafeffizienzsteigt unter Intervention (Zeit × Gruppe: F(2, 18663) = 21,33; p < 0,001)
Einschlaflatenz (SOL10)in den Interventionsgruppen verkürzt (F = 2,77; p < 0,033)

 

Längsschnittliche Effekte über drei Studienphasen. Quelle: Schabus & Rakowitz (2026), HP³.

Schlaf verhielt sich in diesen Daten wie ein echter operativer Parameter: Er veränderte sich über die Zeit und reagierte auf gezielte Intervention. Unbehandelter Schlafmangel summierte sich dagegen zu einem wachsenden Risiko.

Was die Daten über diese Hochleistungsgruppe verraten

Die Operator sind ausdrücklich keine „schlechten Schläfer“. Niedrige nächtliche Herzfrequenz und hohe Herzratenvariabilität sprechen für eine außergewöhnliche körperliche Grundverfassung und Erholungsfähigkeit. An freien Tagen holten sie deutlich Schlaf nach – gemessen an ihrem Belastungsprofil schlafen sie eher zu wenig (bei vergleichbaren Hochleistungsgruppen wie Spitzensportler:innen werden oft acht bis neun Stunden angepeilt). Auffällig war zugleich ein hoher Anteil an REM-Schlaf, der mit erhöhter emotionaler Verarbeitung, motorischem Lernen und ausgeprägter Stressregulation bei SOF in Verbindung gebracht werden kann.

Für uns ist das Besondere, dass wir Schlaf nicht nur im Labor, sondern direkt im Alltag dieser Hochleistungsgruppe sichtbar machen konnten.  — Manuel Schabus

Die Daten zeigen, dass Schlaf messbar, veränderbar und für Gesundheit und Belastbarkeit hoch relevant ist.  — Caroline Rakowitz

Relevanz über den militärischen Kontext hinaus

Die Grundfrage betrifft viele Berufsgruppen: Was passiert mit Schlaf, wenn die Belastung über Wochen und Monate steigt – und was hilft, ihn wieder zu stabilisieren? Erkenntnisse aus dieser besonders belasteten Gruppe lassen sich langfristig auf Schichtarbeit, Polizei, Rettungsdienste, medizinisches Personal und den Spitzensport übertragen. Die zentrale Botschaft: Schlaf lässt sich heute über lange Zeit objektiv sichtbar machen, verstehen und gezielt verbessern.

Empfehlung

  • Schlaf wie jede andere einsatzkritische Größe behandeln: messen, verstehen, und dann aktiv steuern.
  • Objektives, HRV-basiertes Monitoring - und nicht nur Aktigrafie - einsetzen, um Leistungseinbrüche früh zu erkennen, statt sie erst im Ernstfall zu bemerken.
  • Schlaf skalierbar verbessern – über tägliches Feedback und digitale, an CBT-I orientierte Interventionen wie in sleep² realisiert.

 

Quellen:
Schabus, M., & Rakowitz, C. (2026). Daily Sleep Monitoring in SOF: Longitudinal Insights from Over 23,000+ Nights Using Wearable HRV and Digital Sleep Intervention. Presented at the SOMA 2026 Scientific Assembly, Raleigh (NC), Apr 27 - May 01, 2026 . Human Peak Performance Project (HP³).

Validierung der Messmethodik: Topalidis et al. (2025), PsyArXiv. https://doi.org/10.31234/osf.io/27wun_v1